Es hätte eine gute Geschichte werden können: Ein erfahrener Digitalunternehmer wechselt aus der Wirtschaft in die Berliner Verwaltung, um die Hauptstadt zu modernisieren. Doch aus der Karriereerzählung wurde ein Finanzskandal. Matthias Hundt, im März 2026 von Regierungschef Kai Wegner als Chief Digital Officer vorgestellt, bat am 26. Mai um seine Entlassung. Der Grund: Die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelte wegen Insolvenzstraftaten gegen seine frühere Firma SDC Sachsen Digital Consulting GmbH. Das Verfahren über das Vermögen der Firma war bereits im November 2025 eröffnet worden – vier Monate vor Hundts Berufung.
Was folgte, ist ein Meisterstück taktischer Personalplanung. Hundt zog seine Entlassungsbitte am 29. Mai wieder zurück – und sicherte sich damit einen Anspruch auf Übergangsgeld nach dem Berliner Landesbeamtenversorgungsgesetz. Wäre er freiwillig gegangen, hätte er leer ausgehen müssen. Da der Senat ihn nun entlassen musste, standen ihm 71,75 Prozent seiner Dienstbezüge für sechs Monate zu: rund 50.700 Euro brutto. Sein Anwalt sprach von einem „gezielt gestreuten Gerücht“, die Rücknahme sei eine Reaktion auf haltlose Vorwürfe. Der Senat bereitete die Entlassung dennoch vor und vollzog sie am 2. Juni.
Der Fall wirft ein grelles Licht auf die Personalpolitik des Regierenden Bürgermeisters. Kai Wegner hatte Hundt als „erfahrenen Digitalisierungsexperten“ angepriesen – ohne zu prüfen, ob die wirtschaftliche Vergangenheit des Kandidaten Risiken birgt. Nach Angaben der Senatskanzlei waren die laufenden Ermittlungen vor den Medienberichten nicht bekannt. Dabei waren die Insolvenzen von Hundts Firmen SDC, HuBroCo und Humboldt Capture Germany zum Zeitpunkt der Berufung bereits aktenkundig. Das Versäumnis wiegt umso schwerer, als Wegner im Wahljahr 2026 ohnehin unter Druck steht: Nach dem Stromausfall im Januar und der Fördergeldaffäre um Ex-Kultursenatorin Wedl-Wilson ist der Digitalisierungsbereich die letzte Baustelle, die Wegner sich selbst auf die Fahnen geschrieben hatte.
Hundts Nachfolger Florian Hauer, ohnehin bereits Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten, übernimmt die Digitalisierung nun als Zusatzaufgabe. Ein Zeichen dafür, wie ernst der Senat das Thema tatsächlich nimmt. Das System aber bleibt unverändert: Keine systematische Due Diligence für Spitzenbeamte, keine Transparenzpflichten für wirtschaftliche Verstrickungen. Stattdessen ein Abfindungsautomat, der auch nach nur 69 Tagen im Amt greift – auf Steuerzahlerkosten.
Berufung Mitte März 2026, Entlassung per Senatsbeschluss am 2. Juni 2026 – 69 Tage im Amt.
Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt wegen Insolvenzstraftaten der SDC Sachsen Digital Consulting GmbH, Insolvenzverfahren eröffnet November 2025.
Übergangsgeld: rund 50.700 Euro brutto (71,75 % der Dienstbezüge für 6 Monate).
Personalauswahl ohne Prüfung, Abfindung ohne Verdienst – das Berliner System belohnt den vorzeitigen Abgang und bestraft die Bürger.